Platz da!

Oder: Gedanken zu barriereärmerem Veranstaltungsmanagement

Wir, Melli und ich waren am Wochenende auf einer sehr schönen, empowernden Veranstaltung in einem Raum, den wir sehr gerne besuchen. Wir mussten aber leider dieses Mal beobachten, was wir gefühlte abertausende Male auf Veranstaltungen erlebt haben, selbst auf denen, die sich nach eigenem Anspruch bemühen, Barrieren abzubauen. Mit diesem Text wollen wir Erfahrungen teilen und wünschen uns, dass diese respektiert und in künftige Veranstaltungsplanungen und die Diskussion darum mit einbezogen werden.

Rollstuhlplätze in den ersten Reihen zu reservieren macht Sinn. Besser als am Rand geparkt zu werden, ist das allemal und mensch sieht vom Rollstuhl aus definitiv mehr, wenn sich keine stehenden Menschen wie eine Sichtschutzmauer davor aufbauen.
Wenig Sinn macht es allerdings, wenn diese Plätze weder zu erreichen, noch zu verlassen sind. Es ist ja schön, wenn Menschen am Einlass so aware, aufmerksam sind, die Lage zu erkennen und sich bereitwillig mit in die Menge stürzen, um den Rollstuhlplatzbereich dennoch zu erreichen. Das kann jedoch keine Lösung sein, zumal nicht davon auszugehen ist, dass alle anwesenden Menschen entsprechend rücksichtsvoll sind. Im Gegenteil: Die Bandbreite an Blicken der Menschen an denen beispielsweise ich in besagter Veranstaltung vorbeifahren musste, reichte von latent genervt, jetzt zur Seite weichen oder aufstehen zu müssen, bis hin zu übertriebener Umsichtigkeit: Es ist eben ein_e Rollstuhlfahrer_in ist, der_die vorbei möchte („Mach mal Platz für den Rollstuhl“ sic!).
Dabei sind es gerade solche Räume und Veranstaltungen, in denen ich einmal nicht auffallen möchte, nach einem (All)tag des Angestarrtwerdens, des Auffallens. Wir sind alle nicht frei von dem gesellschaftlichen Gedanken, sog. „Behinderte“ als Belastung zu betrachten. Klar, auf einer vollen Veranstaltung stehen sich alle Menschen irgendwie gegenseitig im Weg. Und dennoch wird die Person, die sich mitsamt Rollstuhl durch die Menge quetscht immer mehr auffallen als jede random laufende Person.

Mit einem Rollstuhl kann mensch sich nicht mal eben „dünn“ machen. „Dünn“ steht hier synonymisch für platzsparend, effizient, gesund, praktisch und bedient damit Herrschaftsverhältnisse, die Menschen unter neoliberaler Denkweise zu optimieren versuchen. Sollte das wirklich Zugangsvorraussetzung für eine Veranstaltung sein, sich „dünn“ machen zu können? Platzsparend zu sein? Damit möglichst viele Menschen gleichzeitig an einer Veranstaltung teilnehmen können?
Es hat nichts damit zu tun, eine Veranstaltung für „alle“ zugänglich zu machen, wenn ein Einlassstopp zu spät umgesetzt wird. Die Anzahl der Menschen, die die Veranstaltung sehen, kann auch dadurch erhöht werden,  die Veranstaltung häufiger abzuhalten. Es stellt sich die Frage, ob  Veranstalter_innen die Verantwortung für die Teilnehmer_innenanzahl gänzlich in die Hände der Teilnehmenden legen möchte, um den eigenen  Aufwand so gering wie möglich zu halten. „So viele wie möglich“ hineinlassen zu wollen, produziert jedoch mehr Ausschlüsse, als dass es welche vermeidet, da nicht jeder Mensch Kraft und Möglichkeit hat, sich dem Prinzip eines effizienten Veranstaltungsmanagements unterzuordnen.

Das gilt auch für Menschen, die nur vermeintlich in der Lage sind, sich Menschenmassen auszusetzen. Körperkontakt kann bei Menschen auch Reizüberflutung oder physische Schmerzen auslösen, was nicht immer sichtbar ist und auch nicht immer sichtbar gemacht werden kann und will. Wir sind der Ansicht, dass in Räumen, in denen körperliche Grenzen möglichst geachtet werden sollen_wollen, mehr darüber nachgedacht werden muss, inwieweit unfreiwillige Berührungen vermeidbarer sind bzw. wenn dies nicht gewährleistet werden kann, dies deutlicher kommuniziert wird.
Eine Möglichkeit dafür könnte es sein, von vorneherein anzukündigen, wie viele Menschen maximal in dem Raum gelassen werden, ob es spezielle Bereiche mit mehr Platz geben wird, oder nicht und wie diese erreichbar sein können. Es kann nicht sein, dass wir am Ende in emanzipatorischen Räumen unsere Schwerbehindertenausweise hervorziehen müssen, um mit unseren Bedürfnissen respektiert zu werden.

Wir sind gespannt auf weitere rege Diskussionen und Vorschläge, Veranstaltungen noch ausschluss- und barriereärmer zu gestalten.

4 comments

  1. Ly

    Yey, voll gut & Danke, dass ihr das geschrieben habt!
    Ergänzen würde ich gerne noch, dass es natürlich nicht nur physische Grenzen gibt und gerade auch die Performance zum Thema „Angst“ war bei den Menschenmassen und fehlenden Ausweichmöglichkeiten am besagten Abend – naja, „leicht zynisch“?!
    Und: Triggerwarnungen mögen ja nett gemeint sein, wenn sie aber nur so ausgesprochen werden, dass Personen direkt im Anschluss bemerkbar für alle raus (zu kommen versuchen) müssen um dem potentiellen Trigger zu entgehen… well…

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Coming Out, Open Source und Barrierefreiheit – die Blogschau
  3. Ulla

    Danke für den Beitrag :-). Beim allfälligen „mal Platz machen für den Rollstuhl“ rufe ich – je nach Tagesform – auch mal „hoffentlich auch für den Krüppel/Inhalt darin“. Manchmal kommts sogar an, was ich damit deutlich machen will.

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