„Auf Augenhöhe“

Letztens habe ich mich mit einem Freund über Sichtbarkeit unterhalten. Für mich mit meinem Elektrorollstuhl und meiner auffallend geringen Körpergröße gibt es kaum öffentliche Räume, in denen ich mich unbe(ob)achtet und unsichtbar aufhalten kann. In einem gewissen Maß habe ich mich mit dieser permanenten Beobachtung arrangiert und kann penetrante Blicke relativ gut ignorieren.

Dennoch geht mit dem Wissen, beobachtet zu werden, immer auch ein Gefühl der Bedrohung einher – wer weiß schon, was die Person, die jetzt noch starrend an der Ecke steht, gleich tun wird? Vorgestern beispielsweise stand ich keine fünf Minuten an einem Platz, bis ich von einer Person gefragt wurde, ob sich denn jemand um mich kümmert. Den vorwurfsvollen Blick auf meine Antwort „Kümmern Sie sich einfach um sich selber!“ gabs dann gratis dazu. Und gestern Abend im Bus wurde ich ebenfalls von einer mir völlig fremden Person gefragt, ob ich eine Begleitperson dabei hätte. Und vor ein paar Tagen bei einem Konzert wurde der Freund, mit dem ich dort war, ebenfalls von einer uns völlig fremden Person gefragt, ob er Heilerziehungspfleger sei. Klar, wer sonst geht mit jemand so Behindertem freiwillig zu einem Konzert?!

Und doch: Es gibt eine Möglichkeit, unsichtbar zu werden. Nämlich dann, wenn ich mal was von den Menschen will, die da so rumstehen und gaffen.

Vor einer Weile habe ich mit einigen Menschen bei einem Spendenstand für TransInterQueer e.V. (http://www.transinterqueer.org/)  auf einer Party gestanden und die Aufgabe übernommen, die ankommenden Gäste anzusprechen, ob sie Shots gegen Spende trinken möchten. Für mich wenig überraschenderweise haben die meisten der an uns vorbei gehenden Menschen mir nur irritierte Blicke oder übertrieben fake-friendly Blicke zugeworfen und sind zügig weitergegangen – oder aber haben sich an die übrigen, laufenden Leuten vom Stand gewandt. Später meinte eine Person, die auch hinter dem Stand stand, sie hätte den Eindruck gehabt, die Leute seien an mir „wie an so einem Hindernis vorbeigegangen. So ein Stuhl, der einfach im Weg steht.“.

Noch absurder: Als ich einmal bei einer Veranstaltung am Einlass geholfen und Stempel verteilt hatte, wurde die Person an der Kasse immer wieder gefragt, wo es denn die Stempel gäbe – obwohl ich direkt daneben saß.

Wenig erstaunlich in dem Zusammenhang, dass ich heute, als für einen Promotion-Minijob (Werbezeugs verteilen) anfragte, abgelehnt wurde, mit der Begründung, die Leute sollen sich doch mit dem_der Promoter_in „auf Augenhöhe unterhalten können“. Und das geht ja schließlich nicht, wenn mensch mich doch grad eigentlich nur in Ruhe begaffen will. Oder Pfadfinder_in spielen, auf meine Kosten.

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