Verlustangst #2

Handicap Love – Die seriöse Singlebörse für Menschen mit Behinderung.

„Du solltest dich da anmelden, wenn du nicht irgendwann alleine enden willst.“, riet mir mein Vater immer wieder. „Am Besten jemanden, der auch kleinwüchsig ist. Die Normalgroßen, da brauchste gar nicht erst anfangen. Männer möchten keine Frauen, die gerade mal halb so groß sind wie sie. Aber ein netter, kluger, kleinwüchsiger Mann – das wäre doch was.“ Ich war noch nicht mal vierzehn.

Als Kind war ich der Meinung, wenn ich mal einen Mann finden würde, wäre es für mich auch kein Problem, wenn er mit anderen Frauen schlafen würde. Nicht etwa, weil ich damals schon Mono-Beziehungskonzepte kritisiert und dekonstruiert habe, sondern vielmehr, weil ich ohnehin der Überzeugung war, dass kein Mann jemals mit mir Sex haben wollen würde.
Ich glaube sogar, ich hielt es nicht für möglich, dass ich überhaupt Sex haben könnte. Weder im traditionell-heteronormativen Sinne geschweige denn in jedem anderen Sinne.

„Wenn du nicht alleine bleiben willst, musst du Kompromisse eingehen!“

Vierte Klasse Grundschule. Ich, das kleine Mädchen, verknallt (so verknallt, wie Bravo lesende Viertklässlerinnen eben sein können) in einen Jungen, nennen wir ihn Johannes. Ich bin nicht das erste Mädchen, von dem die halbe Klasse weiß, in wen sie gerade verknallt ist.
Aber die erste, seit vier Schuljahren, deren Verknalltheit ungeniert, laut und offen in den Pausen diskutiert wird. „Florina ist verknallt? Ernsthaft?!“ „Haha, stellt euch das mal vor!“. Auf der Tafel steht in einem großen Kreideherz „F + J“. Johannes liest einen „Liebesbrief“ von mir. Er ist nicht echt. Ich streite alles ab. Alles. Ich? Verliebt? Quatsch! Was für eine Vorstellung, das finde ja selbst ich albern.

„Seid ihr zusammen?“ „Nein, wir sind nur Freunde.“ Nur. Freunde.
„Bist du der Betreuer?“ „Nein, wir sind befreundet.“ Befreundet. Immerhin.

„Du brauchst gar nichts sagen, du hast doch eh keine Ahnung von Beziehungen! Finde du erstmal jemanden.“ Aber gut genug, mir die Beziehungskrisen von Freund_innen anzuhören. Geht klar, ich stimme ja eh allem zu, hab ja keine Ahnung.

„Kannst du überhaupt Sex haben? Und wenn du Kinder kriegst, werden die dann auch behindert?“

Identifikationsfiguren?
Quasimodo, der „missgestaltete“ (sic!), „hässliche“ Glöckner von Notre Dame, der unglücklich in die schöne Esmeralda verliebt ist, aber verständnisvoll und demütig akzeptiert, dass sie den schönen, gesunden Hauptmann Phoebus liebt. Danke, Disney!

Fun-Fact: In den meisten Kindergeschichten sind die Bösen immer auch die „Hässlichen“. Oder nicht eigentlich eher umgekehrt? Wären die Hässlichen gut, müsste ihnen ja Menschlichkeit zugesprochen werden.

Mama: „Ist er dein bester Freund?“
Ich: „So ähnlich.“
Mama: „Warte… Ihr seid doch nicht etwa zusammen?!“ Doch. Nicht. Etwa. Wirklich??!?!einself!?!

Nein.

Zaghafte Versuche, meine Begehrbarkeit zu beweisen. Irgendwer wird doch wohl…
Gleichzeitig Angst vor Voyeurismus. Welcher normale Mensch hat denn was mit einem Behinderten?!
Unschöne Erfahrungen. Zu wenig Selbstwertgefühl, auf die eigenen Grenzen zu achten.

Sehen und gesehen werden. Will ich dich küssen, weil ich dich küssen will? Oder will ich dich küssen, damit alle sehen, dass ich geküsst werden kann? Beides. Ständig schwankend.

Die Hässlichen sind nichts wert, sind nichts wert, sind alleine.

„Du solltest dich wirklich bei Handicap Love anmelden, wenn du nicht alleine bleiben willst. Irgendwann werden alle einmal ihre eigene Familie haben und du sitzt dann alleine zuhause und hast nichts zu erzählen.“
Beziehungen sind Errungenschaften, um die gekämpft wird. Verloren? Versagt.

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